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Raus aus dem Grau Interview mit dem Künstler Andrei Krioukov NordWind, Das Magazin für die Kasseler Nordstadt, Ausgabe 33 NORDWIND-Redakteurin Heike Borufka im Gespräch mit dem Künstler Andrei Krioukov über sein Lebensgefühl in Deutschland, Themen seiner Arbeiten und sein Selbstverständnis als Kunstdozent. Andrei Krioukov, 1959 in Moskau geboren, studierte Malerei und Grafik , nahm als freischaffender Künstler an russischen und internationalen Ausstellungen und Wettbewerben teil und ferdiente als Chefdesigner in Moskauer Design-Büro „Predmet“ seinen Lebensunterhalt. Im Januar 2000 siedelte er mit Ehefrau und Kindern nach Deutschland über und lebte zunächstin Schwalmstadt, wo er noch heute dem Kunstverein „Neue Brücke“ angehört. Vor vier Jahren zog der inzwischen fünffache Vater mit seiner Familie nach Kassel. Andrei Krioukov ist heute selbständiger Maler und Grafiker, freiberuflicher Dozent und Leiter der Schule für Bildende Kunst und Gestaltung, die sich in der Henschelstrasse befindet NORDWIND: Herr Krioukov, was bewog Sie, nach Deutschland überzusiedeln und somit Ihre Heimat hinter sich zu lassen? Krioukov: Der Traum, Russland zu verlassen und in ein westlich orientiertes Land zu gehen, begleitete mich schon viele Jahre. Dies hatte aber weder politische noch wirtschaftliche Gründe und war auch keine bewusste Entscheidung für Deutschland. Doch durch die jüdischen Wurzeln der Familie meiner Frau war es für uns relativ unproblematisch, hier bleiben zu können. NORDWIND: Welche Gründe waren es dann? Krioukov: Es ist nicht einfach, als Künstler in Russland zu leben und zu arbeiten. Vieles mag sich in der Zwischenzeit verändert haben, doch damals gab es zum Teil ganz praktische Ärgernisse: So war es sehr schwer, an qualitativ hochwertige Arbeitsmaterialien zu gelangen, oder diese waren unerschwinglich. Wenn nach nur wenigen Jahren Bilder verblassen und die Farbe reißt, ist dies für einen Künstler schon sehr frustrierend. Hinzu kam, dass mir durch meine Arbeit als Designer kaum Zeit für meine eigenen Ideen blieb. Zuletzt habe ich fast nur noch Werbung produziert. NORDWIND: Auch in Deutschland gehen Sie als Dozent einer geregelten Tätigkeit nach, um Ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Krioukov: Ja, doch hier sind Arbeits- und Privatleben bei weitem nicht so eng miteinander verknüpft wie in meiner Heimat. Ich habe nicht nur die meiste Zeit des Tages im Büro verbracht, sondern fühlte mich gesellschaftlich ferpflichtet, auch meine Freizeit mit den Kollegen zu verbringen. Und das nicht unbedingt freiwillig. Diese Art emotionaler Verbundenheit wurde voneinander erwartet. NORDWIND: Damit kritisieren Sie etwas, das von vielen Menschen, die nach Deutschland kommen, hier sehr vermisst wird: Die Offenheit, etwas vom eigenen Leben zu zeigen und damit dem anderen den Zugang zum gesellschaftlichen Leben zu erleichtern. Krioukov: Mir hat diese verpflichtende Öffenheit das Gefühl der Freiheit genommen und dazu geführt, mich hinter einer Maske zu verstecken. Hier habe ich die nötige Distanz und Freiheit, sein und zeigen zu können, wer ich bin. NORDWIND: Sie sind in Moskau aufgewachsen. Vermissen Sie Ihre Stadt? Krioukov: Nein. Moskau hat mir nie wirklich gefallen. Straßen, Häuser, ja selbst die Menschen erschienen mir immer grau und gleichzeitig kitschig und einfach. Ich bin viel gereist und erkannte für mich, dass dies nicht an der Großstadt, sondern an der Atmosphäre liegt, die in Moskau herrscht. NORDWIND: Grau ist eine Farbe, die in Ihren Bildern, so scheint mir, kaum anzutreffen ist. Stattdessen finden sich in leuchtende roten gelben und blauen Tönen detaillierte Darstellungen von Verpackungsmüll unterschiedlichster Art. Sie haben den Begriff Einwegrealismus geprägt. Geht es in Ihren Werken um Umweltpolitik? Krioukov: Ganz und gar nicht - auch wenn dies immer wieder eine der ersten Interpretationsansätze meiner Arbeiten ist. Worum es mir geht, ist das Thema Vergänglichkeit, und zwar wertneutral. Alles, was um uns herum geschieht, ist einmalig und im nächsten Moment unwiederbringlich vergangen. Das gilt für einzelne Begegnungen und positive wie negative Begebenheiten ebenso wie für das Leben im Ganzen. Diese Vergänglichkeit ist keine Tragödie, sondern notwendiger Bestandteil unseres Lebens, das durch ständige Veränderung und Weiterentwicklung unseres Weltverständnisses geprägt ist. NORDWIND: Stört es Sie, dass Sie in Ihrer Intention häufig missverstanden werden? Krioukov: Nein. Obwohl es schon auffällig ist, dass diese Verbindung zu Umweltthemen gerade in Deutschland immer wieder hergestellt wird. In den Niederlanden, in denen ich ebenfalls einige meiner Bilder verkauft habe, ist dies nicht so selbstverständlich der Fall. NORDWIND: Seit einiger Zeit gestalten Sie in der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt mit Hilfe einiger Häftlinge den Innenhof. Wie kam es dazu? Krioukov: Die Verbindung wurde durch den Kunstverein „Neue Brücke“ in Schwalmstadt hergestellt. Es geht darum, acht Hallentore, die sternförmig vom Gefängnisinnenhof zu erreichen sind, zu gestalten. Ausgehend von diesem Innenhof, der für mich eine Art Insel darstellt, eröffnen sich dem Betrachter Einblicke in unterschiedliche Welten. Möglichst realistisch habe ich auf den Toren beispielsweise einen Flughafen, eine Altstadtstraße und einen Meeresblick dargestellt. NORDWIND: Für Menschen, die all dies für lange Zeit entbehren müssen, nicht ganz einfach. Krioukov: Ja, Realität und Illusion stehen sich dort überdeutlich gegenüber. Daher ist es mir auch nicht gestattet, Personen darzustellen. Sie wären auf gewisse Distanz von realen Menschen kaum zu unterscheiden. NORDWIND: Wie reagieren die Häftlinge auf die Neugestaltung? Krioukov: Durchweg positiv. Abstrakte Darstellungen wären in einer solchen Umgebung sicher fehl am Platz gewesen. Einige Insassen, darunter auch ein Künstler, haben mich bei meiner Arbeit unterstützt. Das war sehr interessant, und ich konnte einiges von meinem technischen Wissen weitergeben. NORDWIND: Gerade dies scheint Ihnen ja besonders am Herzen zu liegen. Sie leiten die Schule für Bildende Kunst und Gestaltung in der Henschelstraße und geben dort Ihr Wissen sowohl an HobbykünstlerInnen als auch an StudentInnen, die sich zu KunstmalerInnen fortbilden wollen, weiter. Krioukov: Ja, denn ich bin der Überzeugung, dass die künstlerische Tätigkeit, genau wie jeder andere Beruf, eines technischen Grundwissens bedarf und meine, dass hierauf auch in den Universitäten zu wenig Wert gelegt wird. NORDWIND: Herr Krioukov, alles Gute für Sie und Herzlichen Dank für das Gespräch.
Foto: Heike Borufka
http://www.buntstift-kassel.de/pdf/nordwind_33.pdf
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